Freitag, 6. Februar 2015

Achtsamkeit

Achtsamkeit ist ein Begriff, den man in einem normalen Wirtschaftslexikon nicht findet. Das mag verschiedene Gründe haben und diese sollen hier im Zentrum stehen. Zum einen ist es nicht einfach zu erklären, was mit Achtsamkeit gemeint ist, denn es ist ein Geisteszustand, zu dem zwar alle Menschen fähig sind, in dem sich die meisten von uns aber selten befinden. Kaum jemand wird also nach dem Lesen einer Definition sagen: Aha, so ist das gemeint! Zu fremd, zu weit weg von der Alltagserfahrung ist die Achtsamkeit.


[Interessant ist, dass es kaum eine Rolle spielt, welche Ausbildung Rolf hat, KV oder MBA ist einerlei. ]


Wenn man eine Definition doch probieren will: Ich bin dann achtsam, wenn ich mich dem aktuellen Moment zuwende ohne zu urteilen. - Gefällt Ihnen diese Definition? Egal ob Sie ja oder nein oder etwas dazwischen antworten, Sie haben bereits geurteilt. Nicht, dass es schlecht wäre, wenn Sie urteilen, aber es illustriert, wie rasch das Urteilen passiert und wie wenig wir davon mitbekommen, was wir in unserem Gehirn veranstalten. Legen Sie diesen Text zur Seite, stellen Sie die Eieruhr Ihres Smartphones auf 2 Minuten und versuchen Sie einfach nur dazusitzen und nichts zu denken.  -  Wir treffen uns in zwei Minuten wieder hier, dann schreibe ich weiter.

Wenn es Ihnen geht wie den meisten Menschen, dann haben Sie festgestellt, dass Sie Bilder oder Gedanken haben im Kopf, dass Sie denken, planen, phantasieren, erinnern. Das ist alles nicht schlimm, aber es ist nicht achtsam. Begriffe, die man nicht zwei, drei Sätzen verständlich definieren kann, haben es schwer, in ein Lexikon aufgenommen zu werden.
Und jetzt kommen wir zum zweiten Grund, warum Achtsamkeit in einem normalen Wirtschaftslexikon nicht vorkommt: Weil nur wenige eine Vorstellung davon haben, inwiefern Achtsamkeit im Wirtschaftsleben wichtig sein soll. Stellen Sie sich vor, ein Manager, nennen wir ihn Rolf,  steht mit einem Manager einer anderen Abteilung irgendwie auf Kriegsfuss und sie sollten sich bezüglich Lieferkonditionen absprechen. Rolf hat das hinausgeschoben, weil er verständlicherweise nicht scharf darauf ist, sich mit dem verhassten Kollegen zu treffen. Rolf ist heute wegen einer anderen Sache bereits gestresst und nun weist ausgerechnet eine Sekretärin Rolf darauf hin, dass er sich eben noch sich mit dem Kollegen absprechen müsse. Was meinen Sie, was jetzt abgeht? - Interessant ist, dass es kaum eine Rolle spielt, welche Ausbildung Rolf hat, KV oder MBA ist einerlei. Er wird sich vielleicht verbitten, dass die rangtiefere Sekretärin ihm sagt, was er zu tun habe. Sollte er sich auf eine Diskussion lassen, kann er dank einer soliden Ausbildung lediglich besser argumentieren, warum er sich nicht absprechen muss, obwohl dies natürlich nicht stimmt. Stellen Sie sich alternativ vor, Rolf sei in diesem Moment achtsam. Das heisst, er wendet sich der unangenehmen Situation urteilsfrei zu. Die Situation würde dadurch an sich nicht weniger peinlich. Aber er würde bestimmt anders regieren, vielleicht fragen: Hast Du einen bestimmten Grund, das zu sagen? – Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sich die Sekretärin ernst genommen und wertgeschätzt fühlt und dass Rolf noch etwas Interessantes erfährt. Zum Beispiel, dass sie eben einen wichtigen Kunden am Telefon hatte, der sich nach den Lieferkonditionen erkundigt hatte.
So,  jetzt wäre eigentlich nur noch zu erwähnen, dass in zahlreichen wissenschaftlichen Studien nachgewiesen worden ist, dass Achtsamkeit nachhaltig zu weniger Stress führt. Das ist in einer immer stressgeplagteren Geschäftswelt schon viel, aber Achtsamkeit ist mehr als das. Eine sorgfältige Studie belegt sogar eine Verdichtung der Hirnmasse im Bereich für Lernen, Emotionsregulation und Selbstreflexion. Dinge also, die man nicht nur sich selbst und seiner Familie wünscht, sondern sich zunächst vom eigenen Vorgesetzten, erhofft. Und als Führungskraft wünscht man es ebenso seinen Mitarbeitern und Kollegen. Was meinen Sie, gehört Achtsamkeit in ein Wirtschaftslexikon?


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