Freitag, 7. Juni 2019

Kinderspiel

Als «Kinderspiel» bezeichnen wir Aufgaben, die wir für besonders einfach halten, insbesondere dann, wenn es andere nicht so sehen: Das Projekt vom Kollegen Müller? Das ist doch ein Kinderspiel! – Den Umsatz um 3% steigern? Kinderspiel! – Der Ausdruck wird oft zur Verhöhnung anderer eingesetzt, dabei steckt hinter diesem Begriff viel mehr.

[Von spielenden Kindern können Manager etwas lernen.]

Ein tatsächliches Kinderspiel wird von Kind selbst wohl als angenehm empfunden, aber es ist durchaus nicht unbedingt einfach. Ein Kinderspiel ist die Tätigkeit des Kindes, bei der es mit angeborener Neugier und Lust dem Spieltrieb folgt und sich dabei selbst kennenlernt, seine Umgebung erkundet und sein Rollenverständnis in der Gesellschaft entwickelt. Hat das in der Welt der Erwachsenen, in der Welt des Wettbewerbs und des Business Platz? Oder ist einfach einmal fertig lustig, jetzt bitte auf Leistung umstellen?  - Um das zu beantworten, beobachten wir doch einmal, nach welchen Prinzipien ein Kinderspiel funktioniert:

1.    Folge hartnäckig dem Lustprinzip: Kinder können hundertmal fragen. Auch wenn sie negative Antworten bekommen. Sie geben nicht auf. Wir Erwachsene betrachten uns als «vernünftig», aber aufzugeben, was uns im Grunde wichtig ist, ist ziemlich dumm. Welche vergessenen Wünsche und Sehnsüchte sollten wir unbedingt wieder ausgraben?
2.    Habe keinen Plan: Kleine Kinder fangen an und schauen, was passiert. Sie lassen sich am Sandkasten auf Neues ein. Schaufel, Eimer und ein paar Förmli genügen. Wann machen wir eine Fahrt ins Blaue, ohne zu planen? Wann wählen wir auf dem Nachhauseweg einfach mal eine andere Route? 
3.    Scheitere mit Interesse: Kinder können schon auch mal weinen, aber sie lernen etwas daraus, wenn die Sandburg zusammenfällt, wenn ihr Spielzeug kaputt geht. Sie sind offen für Anregungen, wie man Dinge anders anpacken könnte, um andere Resultate zu erhalten. Erst Erwachsene machen sich Vorstellungen, wie die Welt zu sein habe und hadern hartnäckig dann damit, dass sich die Welt partout nicht an diese Vorstellung halten will.
4.    Lebe im Moment: Kleine Kinder können eine Baustelle betrachten und bekommen gar nicht genug. Sie können eine Schnecke beobachten und sich in der Betrachtung verlieren. Wir Erwachsene haben oft nach kurzer Zeit genug gesehen. Wir könnten uns inspirieren lassen, nochmals zu schauen und nicht bloss zu wissen, was es zu sehen gibt. Fast immer entdecken wir dabei etwas Neues.
5.    Nimm Menschen wahr: Kleine Kinder wissen nicht, dass man anderen nicht länger als eine halbe Sekunde in die Augen blicken sollte. Sie können ohne Anstrengung den Blickkontakt mit fremden Leuten halten, sich für sie interessieren. Als Erwachsener kann man das nicht auf dieselbe Weise tun, aber man könnte eine andere, sozial akzeptierte Art entwickeln. Zum Beispiel, indem man dazu lächelt. Und indem man sich nicht sofort ein Urteil über die andere Person bildet.
6.    Tanze: Kleine Kinder haben soziale Normen nicht verinnerlicht. Sie finden es daher nicht peinlich, mitten auf der Strasse zu tanzen, wenn Strassenmusikanten aufspielen. Wir brauchen es den Kindern nicht gerade gleich zu tun, aber wir könnten ja mindestens mal mit dem Bein zu wippen und den Oberkörper dazu etwas bewegen. Trauen wir uns? Vielleicht eher, wenn Kinder da sind, die wir uns zum Vorbild nehmen können.
7.    Lache: Kinder tun oft Dinge, einfach weil sie lustig sind. Wann ist uns zum Blödeln zu Mute? Wie hoch sind die Hürden, damit wir solche Stimmungen zulassen? Wäre es wirklich schlimm, wenn die Hürden etwas tiefer wären?

Es leuchtet ein, dass uns dies alles zufriedener und glücklicher machen würde. Und Studien belegen dies auch. Nur leider gibt es wenige Chefs, die Derartiges gutheissen. Das ist ironisch, denn weitere Studien belegen zudem, dass wir leistungsfähiger und widerstandsfähiger werden, wenn wir uns an diesen Prinzipien orientieren. Leistung und Widerstandskraft, das müsste den Chefs doch ganz gut gefallen. Wir könnten das Kinderspiel im Geschäftsleben doch eigentlich ganz gut gebrauchen. Solange wir das aber nicht selbst begreifen, müssen wir Geld für teure Motivationstrainer ausgeben, die uns dann die einfachsten Dinge beibringen. Haben wir das wirklich nötig? Zum Glück gibt es junge Menschen, die mehr erwarten von der Arbeit als den Lohn dem Konto. Sie erwarten, dass arbeiten Spass macht und dass man dabei jeden Tag etwas neues lernen kann. Zum Glück gibt es Unternehmen, die begreifen, dass der überall geforderte Wandel in Richtung Agilität, Kreativität und Selbstorganisation einfach besser funktioniert, wenn man Aufgaben spielerisch angeht. Aber die Prinzipien des Kinderspiels in einer Unternehmung konsequent anzuwenden, ist alles andere als ein Kinderspiel.


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Sonntag, 5. Mai 2019

Digitale Kompetenz

Digitale Kompetenz? - Das weiss doch jeder. Das ist wenn man sich mit dem Computer auskennt und mit dem Internet und mit sozialen Medien. - Das ist zwar eine recht treffende Antwort, aber unter gebildeten Leuten formuliert man das anders, eher so:  Die Fähigkeit, Inhalte zu finden, einzuschätzen, zu nutzen zu teilen und zu erzeugen unter Einsatz von Informationstechnologie und dem Internet. Ist damit viel gewonnen? – Was konkret muss man denn lernen und üben, um die immer wichtiger werdenden digitalen Fertigkeiten zu erwerben?

[Kritisch denken ist wichtig, aber kritisch googeln wäre schon viel.]


Excel und Word, Facebook und Linkedin, Instagram und Tinder, Snapchat und Skype? Oder doch eher GoogleDocs und SkyDrive, Teams und Notes, Ebay and Alibaba, Sway und Prezi? Oder vielleicht gar nichts von alledem? Die obige Definition liefert uns kaum eine Antwort. Kann man die genannten Tools nutzen, um Inhalte zu finden, einzuschätzen, zu nutzen, zu teilen und zu erzeugen? Natürlich. Der schwierigste Punkt ist wohl das «Einschätzen» von Inhalten.  Mit dieser Formulierung wird betont, dass man nicht alles glauben sollte, was man so liest im Internet. Aber das wussten wir natürlich schon – und dann fallen wir trotzdem rein. In einer Studie wurde festgestellt, dass junge Menschen es für glaubwürdig halten, dass schwule Männer eher pädophil sind, wenn sie bei einer Internetrecherche auf eine Homepage stossen, die professionell aufgemacht ist und solches behauptet. Fröhlich ignoriert haben sie, dass es sich um eine Homepage einer Organisation von Schwulenhassern handelt und dass im Internet ebenfalls zugängliche wissenschaftliche Studien belegen, dass es diesen Zusammenhang nicht gibt. Was ihnen der gesunde Menschenverstand dazu hätte sagen müssen, darauf will ich hier gar nicht eintreten. Die betreffenden jungen Menschen waren übrigens durchaus nicht bildungsfern, sondern Studierende an einer respektablen amerikanischen Universität. Digital Natives sind also nicht automatisch digital kompetent und kritisch denken zu können allein genügt nicht. Ein wesentlicher Aspekt digitaler Kompetenz könnte es folglich sein, Strategien zu kennen und anzuwenden, die es unwahrscheinlich machen, dass man auf falsche Informationen hereinfällt. Folgende zum Beispiel:

1. Wenn Sie auf eine Homepage einer Organisation stossen, die Sie nicht kennen, verlassen Sie diese sofort wieder – denn zuverlässige Quellen sind nur einen Mausklick entfernt. Klicken Sie daher die Google-Suchresultaten nicht der Reihe nach durch, sondern schauen Sie sich immer erst die URL an. Der Anfang der URL verrät Ihnen, um welche Organisation es sich handelt, etwa www.nzz.ch/… . Klicken Sie nur auf das, was Sie kennen.

2.  Sollten Sie trotzdem auf einer unbekannten Homepage verweilen wollen, googeln Sie die Organisation. Und: Nein, die Selbstdeklaration der Homepage, die Sie beim Button «über» oder «about» finden, ist kein zuverlässiger Ersatz für diese Strategie. Die Abfrage bei einem Whois-Dienst liefert Ihnen übrigens die Information, wem eine Website gehört. (Falls Sie nicht wissen, was «Whois» bedeutet und wie man einen solchen Dienst beansprucht, können Sie das gefahrlos googeln.)

3.  Variieren Sie Ihre Suchbegriffe. Wenn Sie daran zweifeln, dass die erste Mondlandung tatsächlich stattgefunden hat, sollten Sie nicht einfach nur «moon landing fake» googeln. «Moon landing proof» wäre eine zwingende Ergänzung für eine ausgewogene Recherche. Das scheint banal, aber wir Menschen bevorzugen unbewusst Informationen, die unsere Vorurteile bestätigen. Und wir glauben nur zu gern, dass bloss die anderen auf Fake-News hereinfallen. Es ist daher essentiell, sich durch ein systematisches Vorgehen gegen entsprechende Verzerrungen zu wappnen.

Kann man diese und weitere Recherche-Strategien googeln? – Klar. Etwas zu wissen ist aber nicht dasselbe wie es auch anzuwenden. Etwas gelegentlich anwenden oder es immer zu tun, weil man es für wichtig hält, sind nochmals zwei verschiedene Dinge. Tools kann man wohl online lernen, aber ich habe noch nicht beobachtet, dass sich die entscheidende Haltung rein digital aneignen lässt. Fazit: Digitale Kompetenz müssen wir wohl teilweise analog erlernen.


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Donnerstag, 4. April 2019

Wahlmöglichkeit

Der Begriff Wahlmöglichkeit braucht nicht definiert zu werden, er ist selbsterklärend. Ebenso offensichtlich scheint es auch zu sein, dass es von höchste Bedeutung ist, Wahlmöglichkeiten zu haben. Denn: Wer keine Wahl hat, ist meistens unzufrieden. Daraus könnte man nun leicht folgern: Mehr Auswahl sei generell besser als weniger Auswahl. Dann ist man zwar in bester Gesellschaft von angesehenen Ökonomen, aber eben leider auch auf dem Holzweg, wie die folgenden vier Punkte zeigen.

[Wählen zu können, hat nicht nur Vorteile.]

Zum ersten: Wenn wir aus sechs Pralinen eine ausgewählt haben, sind wir danach sicherer, die bestmögliche Wahl getroffen zu haben, als wenn wir aus 36 gewählt hätten. Die Wahrscheinlichkeit, unsere Wahl in Zweifel zu ziehen, nimmt bei zunehmender Auswahl zu und macht uns unzufriedener. Zudem beansprucht die Wahl aus 36 mehr Zeit. Und diese verbringen wir meist nicht angenehm, sondern unter der Qual der Wahl. Wahlmöglichkeiten machen uns also keineswegs einfach glücklicher, sie haben Kosten.

Zum Zweiten: Stellen Sie sich vor, man könnte eine Ehe beenden, indem man eine SMS an das Standesamt schreibt mit dem Inhalt: STOP EHE. Wäre das nicht wunderbar? Jede unangenehm gewordene Beziehung könnte sofort beendet werden, jederzeit hätte man die Wahlmöglichkeit. - Nun, wir alle ahnen zumindest, dass das es keine gute Idee wäre. Experimente belegen denn auch, dass man mit einem gefällten Entscheid zufriedener ist, wenn man ihn nicht (!) revidieren kann. Ein Faktor dürfte der Zweifel sein. Wenn ich jederzeit einen Entscheid revidieren kann, muss ich mir dauernd überlegen, ob eine solche Revision ansteht. Einen unumkehrbaren Entscheid muss ich hingegen nicht überdenken und kann stattdessen meine mentale Energie in die Richtung lenken, um das Beste aus der Situation zu machen. Das macht tendenziell zufrieden. Damit soll nicht gesagt sein, die Hürden für eine Trennung sollten unendlich hoch sein, aber wenn es gar keine Hürden gäbe, fehlte etwas Wichtiges. Sich festlegen zu können und Wahlmöglichkeiten auszuschliessen, hat eben auch Vorteile.

Zum dritten: Waren Sie schon einmal in einem amerikanischen Supermarkt? Unüberschaubar viele Sorten allein für ein einfaches Yoghurt! 12 Marken mit jeweils fettfrei, fettarm, halbfett oder vollfett stehen zur Wahl. Von den Varianten der Verpackungsgrössen will ich gar nicht sprechen. Findet da fairer Wettbewerb statt? Möge der bessere gewinnen? - Ehrlich gesagt, schmecken alle Joghurts ziemlich gleich und niemand nimmt sich die Zeit, alle zu verkosten. Es gewinnt also kaum der bessere Joghurt, wohl aber die Marke, die sich selbst am besten anpreist und sich im Unterbewusstsein der Kundinnen und Kunden besser einnistet. Eine entscheidende und kostspielige betriebswirtschaftliche Aktivität, die auf den Preis geschlagen werden muss. Wir bezahlen mit jedem Yoghurt den Hersteller dafür, dass er eine Marketingfirma beauftragt, die dann professionell und basierend auf der neusten neurologischen Forschung unser Gehirn manipuliert, während wir ahnungslos im Internet surfen. Das ist alles andere als effizient. Und ich finde es eher gruselig.

Zum vierten: Ist es besser, wenn die Einwohner von Hongkong aus 2 oder aus 20 Kandidaten für ihren Präsidenten wählen können? Die Antwort ist: Es spielt keine Rolle. Denn Peking wird nur Personen zulassen, die der KP Chinas genehm sind. Die Diktatur trägt zuweilen ein demokratisches Gewand. – Soweit so bekannt? Dann passen Sie auf: Ist es besser, wenn das amerikanische Stimmvolk aus 2 oder aus 20 Kandidaten auswählen kann? Auch das spielt keine Rolle. Die Kandidatur ist so abartig teuer, dass nur Erfolgschancen hat, wer sich zuvor beim Geldadel beliebt gemacht hat. Auch die in der westlichen Welt übliche «Monetokratie» trägt zuweilen ein demokratisches Gewand. Vielleicht sogar meistens. - Aber immerhin können wir wählen.


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  • Willenskraft - ist lernbar, wenigstens ein bisschen.
  • Anreiz ist eines der wichtigsten Konzepte in der Wirtschaftswissenschaft. 
  • Mindful Leadership -  ist einfach und praktisch. 

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Sonntag, 3. März 2019

Glücklich sterben


Glücklich sterben ist vielleicht hoch gegriffen. Nicht alle können im hohen Altern friedlich einschlafen, aber möglichst wenig zu leiden wäre schon viel. Dafür gibt es bereits einen Namen: Palliative Care. Darunter versteht man die Gesamtheit der Massnahmen, die das Leiden eines unheilbar kranken Menschen lindern und ihm so eine bestmögliche Lebensqualität bis zum Ende verschaffen, ohne Absicht einer Lebensverlängerung. Aber ist das schon glücklich sterben?

[Glücklicher zu sterben ist eine gesellschaftliche Aufgabe.]

Die Schweiz leistet sich eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt. Man könnte denken, dass nicht nur unsere Aussichten auf ein langes, gesundes Leben international hervorragend sein müssten, sondern auch die Aussichten auf eine bestmögliche Lebensqualität am Lebensende. Dem ist nicht so. Die Schweiz ist bestenfalls ein palliatives Schwellenland. Zu diesem Schluss bin ich gekommen, nachdem ich einen Vortrag eines internationalen Experten gehört habe, der höflicherweise nur gesagt hat, dass die Schweiz nicht zur Spitze gehört. Hier ist, was ich davon erinnere:

Was ist das Problem mit dem Sterben? Dass das Leben danach aufhört? Nein, das ist nicht das Problem, das ist einfach die Natur der Sache. Das Problem heisst Einsamkeit, das Problem heisst Depressionen, das Problem heisst überforderte Angehörige, das Problem heisst Mangel an Geborgenheit, das Problem heisst sich der Medizin ausgeliefert zu fühlen, das Problem heisst, sich wertlos vorkommen, das Problem heisst teils auch Suizid. Alle diese Dinge sind vorhersehbar und vermeidbar oder zumindest könnte man günstig auf sie einwirken. Aber das wird erstaunlich stümperhaft getan: Bloss 5% ihrer Lebenszeit verbringen Sterbende in Gegenwart von Ärzten und Pflegenden, die für diesen Fall ausgebildet und vorbereitet sind. 95% ihrer Lebenszeit verbringen sie allein, mit Freunden, mit Verwandten und am Fernsehen oder im Internet, also mit Menschen und Strukturen, die keineswegs darauf ausgerichtet sind, die letzte Lebenszeit angenehm oder gar glücklich zu gestalten. - In allen anderen Lebensbereichen haben wir uns angewöhnt vorzusorgen: Wir haben Notfallpläne bei Feueralarm, wir machen Stresstests mit Banken und wir haben gesetzliche Bestimmungen für Massenentlassungen.  Aber wenn ein nicht hochbetagter Mensch vom Tod betroffen ist, sind nur ganz wenige Profis vorbereitet. Das soziale Umfeld von Sterbenden ist nicht bereit. Ein Schüler begeht Suizid, die Mutter eines Mitarbeiters liegt im Sterben, der Kollege aus dem Sportverein hat Diagnose aggressiver Darmkrebs – schon sind alle überfordert. Die Lehrperson, die Vorgesetzte, die Vereinskollegen haben keinen Plan. Die Organisationen, in denen sie sich bewegen, stellen ihnen nichts zur Verfügung, haben sie nicht vorbereitet, lassen sie im Stich. – Können wir das besser machen? Natürlich können wir. Zunächst müssen wir anerkennen, dass eine professionelle Palliativ-Medizin wichtig ist, aber dass sie bei weitem nicht genügt. Die Lebensqualität am Lebensende wird weitgehend durch das direkte soziale Umfeld, also durch Laien mitbestimmt. Wenn wir das Lebensende würdig gestalten wollen, müssen wir uns folglich als Gesellschaft bewegen. Und das gelingt am ehesten, wenn Gemeinden oder Städte es anpacken, dass über das Lebensende gesprochen wird: Einzelne Schulen können Leitlinien im Umgang mit Todesfällen erarbeiten, einzelne Firmen können Personalreglemente anpassen, manche Vereine können sich dem Thema annehmen. Die öffentliche Verwaltung kann Austauschforen schaffen und Erfolge hervorheben. Und die lokale Politik kann sich anhand von zwölf Punkten zu einer Charta bekennen.

Sollen wir solches tun? Spart das Kosten? – Natürlich spart das Kosten, aber es genau nachzuweisen ist schwierig. Entscheidend ist das allerdings nicht. Entscheidend ist dies: Glücklicher zu sterben ist letztlich ein Weg für uns alle, um glücklicher zu leben. Darum wäre eine bessere Frage: Wie können wir anfangen? – Vielleicht so: Wenn das Thema Sterben im Raum steht, es ansprechen und dann schweigen und zuhören, damit die Betroffenen etwas sagen können. Das ist wenig, aber wenn es viele tun, ist es der Anfang von einem glücklichen Ende.


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Dienstags bei Morrie von Mitch Albom

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Sonntag, 3. Februar 2019

Mogeln

„Haben Sie in der Schule bei Prüfungen gemogelt?“ ist eine von vielen Fragen, die eine Zeitung wöchentlich wiederkehrend portraitierten Führungskräften gestellt hat. Natürlich habe ich mir überlegt, was ich antworten würde. – „Nein.“ klingt nicht schlecht, aber lässt einen als Streber dastehen, als Spassbremse oder als Perfektionist, der zu unbedeutenden Jugendverfehlungen nicht stehen kann. – „Ja, klar.“ Da steht man als unehrlicher Mensch da und wird sofort in einer bestimmten Schublade versorgt. – „Weiss nicht, ist lange her…?“ Da bist Du ertappt und willst es nicht einmal zugeben, das ist wohl das Mieseste! 

[Von der Jugendsünde zum wirtschaftlichen Sprengstoff.]

Ist das nicht seltsam? Wir alle haben doch gemogelt. Ein Zyniker würde vielleicht antworten: „Wenn ich in der Schule gemogelt hätte, würde ich vielleicht auch bei einem Interview nicht die Wahrheit sagen, also was soll die Frage?“ Aber wer so antwortet,  hat den Kontext nicht begriffen. Null Sozialkompetenz. Es geht bei der Frage weder um ein Verhör noch um eine intellektuelle Analyse. Es geht darum, wie einer damit umgeht, wenn Ehrlichkeit gefragt ist, aber Selbstschädigung lauert. Man muss sich elegant  durchwursteln: Die Sache so darstellen, dass es gut klingt, ohne direkt zu lügen. Gute Führungskräfte können sowas. Wo haben sie das gelernt? Sicher nicht an der Universität. - In der Schule haben wir bloss gelernt, dass man nicht mogeln darf. Und wenn, dass man sich wenigstens nicht erwischen lassen sollte. Und das war‘s dann. Dabei gäbe mittlerweile zwei wichtige Erkenntnisse, die alle wissen sollten.
Erstens: Menschen sind im Allgemeinen sehr ehrlich. Wenn Sie dem spontan nicht zustimmen, sollten Sie bedenken: Vor allem unehrliche Menschen halten andere für ziemlich unehrlich (Autsch!). Und zweitens: Wenn wir in einem Interessenkonflikt sind, wenn es also darum geht ob wir ehrlich sind oder der Dumme, dann sind die meisten Menschen „ziemlich ehrlich“, das heisst: Viele mogeln, aber nur ein bisschen. Solches schliesst man aus Studien wie dieser: Zuerst wird ein Fragebogen zum Allgemeinwissen von Studierenden gelöst, anschliessend werden die Fragebögen korrigiert und die Studierenden erhalten eine von der erreichten Punktzahl abhängige Belohnung. Nachdem man nun weiss, wie gut die Studierenden im Durchschnitt abschneiden, ändert man die Versuchsanordnung so, dass die nächsten Studierenden den selben Fragebogen ausfüllen, aber selbst korrigieren können. Geben sich nun alle 100 Punkte? Überhaupt nicht. Aber bei Selbstkorrektur schneiden die Studierenden immer ein paar Prozente besser ab. Dieses Resultat verändert sich nur geringfügig, wenn die Fragebögen vor der Belohnungsverteilung vernichtet werden und es absolut sicher ist, dass selbst dramatisches Mogeln nie und nimmer aufgedeckt werden kann. Wie kommt das? Offenbar ist kaum jemand bereit, den Fragebogen so zu manipulieren, dass er oder sie sich selbst als absoluten Lügner betrachten müsste. Aber so geht es vielleicht: „Bei Frage sieben, da wollte ich doch eigentlich zuerst noch das Richtige ankreuzen, und habe mich vertan und  … also eigentlich hätte ich das schon gewusst, also, diese Frage die bewerte ich mir als richtig.“
Diese Erkenntnisse haben weitreichende Konsequenzen. Wir dürfen davon ausgehen, dass überall wo Interessenkonflikte bestehen auch gemogelt wird. Genug um zu profitieren, aber nicht so viel dass es eklatanter Betrug wäre. Wahrscheinlich gewöhnt man sich dann ans Mogeln. Und wenn es die anderen auch tun, entsteht stillschweigend ein Standard des „akzeptablen“ Mogelns, der sich mit der Zeit nach oben bewegen kann. – Wäre das Vermeiden von Interessenkonflikten also wichtig? Denken Sie mal nach. Möchten Sie, dass ein Richter für seine „Dienstleistung“ von den Streitparteien finanziert wird? Nicht? Aber ein Arzt, der sein Einkommen steigern kann, wenn er mehr Medikamente verkauft und mehr operiert, das geht? Ein Finanzberater, der mehr Bonus erhält, wenn Sie Aktien kaufen statt Obligationen, das ist kein Problem? Und stellen Sie sich eine Bank vor, wo das Schönen der Qualität von Junk-Bonds „nur ein bisschen“ am Hauptsitz passiert, diese Informationen „nur ein bisschen“ weiter geschönt werden in den Länder-Organisationen, dann nochmals „nur ein bisschen“ am internen Briefing und dann nochmals beim Gespräch mit dem Kunden. Da finden Sie keinen Bösewicht, die Bosheit ist im System. Und das System heisst nicht einfach nur Lehman Brothers,  Enron oder VW, sondern die Grenzen müssen weiter gezogen werden, sodass sie Politik und Aufsichtsbehörden umfassen. Dann nämlich, wenn Gesetze und Kontrollverfahren zum Mogeln einladen.
Das hat mich aufhorchen lassen: Zwei führende Wirtschaftsprofessoren meinen, alle Weltwirtschaftskrisen seien auf systematisches Mogeln zurückzuführen. Es könnte also gut sein, dass Mogeln eine wirklich weltbewegende Sache ist. – Egal. Wir haben ja in der Schule alle nur ein bisschen gemogelt. Eigentlich fast gar nicht.  Und ich persönlich, ich habe in der Schule nie gemogelt, ausser wenn ich die Prüfung unfair fand.

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Freitag, 4. Januar 2019

Neujahrsvorsatz

Es ist in der westlichen Welt eine verbreitete Tradition, sich zum Jahresbeginn den Vorsatz zu fassen, schlechte Gewohnheiten abzulegen oder sonstwie sein Leben zum Guten zu verändern. Der Jahresbeginn ruft uns in Erinnerung, dass eine neue Zeit vor uns liegt und dass wir sie gestalten können. In der Psychologie wurde die Wichtigkeit lang und breit untersucht, sich Ziele zu setzen. Man könnte die Forschungsresultate nun hier ausbreiten, dagegen gibt es nicht viel einzuwenden. Ausser, dass es dann in der alltäglichen Erfahrung doch ziemlich oft nicht so richtig funktioniert.

[Kann man sich Leere vornehmen?]

Darf ich mal eine Hypothese wagen: Sie sind in verschiedenen Bereichen bereits überambitioniert, haben bereits hohe Ziele, sind bereits gut ausgelastet mit dem, was ohnehin läuft. Sie brauchen nicht noch jemanden, der Ihnen schlaue Tipps gibt, wie Sie noch ein halbes Prozent mehr aus sich selbst herauspressen können. Gehen wir das Thema also anders an. Betrachten wir einfach mal ganz gelassen einen Zielsetzungsprozess. Der geht vielleicht so: «Ich möchte mehr von X und da sollte ich einfach hingehen und mir mehr davon holen. Und ich stelle fest, dass ich es nicht schaffe, regelmässig Y zu tun und da sollte ich nun endlich einen Plan aufstellen und dann strenger mit mir sein und es durchziehen. Und wenn ich es dann schaffe, nehme ich mir die Zeit nicht, meinen Erfolg zu geniessen, ich warte nicht, bis wieder Neujahr ist, sondern setze mir sofort neue und höhere Ziele.» Man muss nicht Ökonomie studieren, nicht Philosophie oder Psychologie um zu wissen, dass aus befriedigten Bedürfnissen neue entspringen. Aber was würde uns helfen, dass wir aus dem Hamsterrad unserer Bedürfnisse aussteigen können? – Stellen wir uns einfach vor, dass der Ausstieg gelänge - wie durch ein Wunder: Wir würden den Atem in unserem Leben finden, den wir so sehr vermisst haben. Wir würden den Raum finden, der uns gefehlt hat. Wir würden die Beziehungen spüren, die uns wichtig sind. Und obwohl wir nicht mehr erreichen würden, würden wir viel mehr davon haben. «Lerne, ein Stück Brot genauso zu schätzen wie ein 5-Sterne-Menü.» Das ist ein Schlüssel zum Glück.  Da sind sich Wissenschaft und viele Weisheitstraditionen einig.
Drei kleine Schritte zu diesem Verständnis könnten Ihnen heute vielleicht sogar ohne Anstrengung gelingen: Erstens, indem Sie diese kurze Kolumne genauso schätzen wie eine etwas längere. Zweitens, indem Sie das nun folgende, unbedruckte Weiss nicht als Fehler des Grafikers deuten, sondern als meinen bewussten Entscheid für etwas Leere. Und drittens, indem Sie diese Leere nicht als Aufforderung verstehen, weiter zu klicken, sondern als Aufforderung, jetzt einfach hier zu sein und nichts weiter zu tun.















Ich wünsche Ihnen genügend Leere im neuen Jahr!


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Montag, 3. Dezember 2018

Mitgefühl


Mitgefühl haben heisst Anteil nehmen am Leid anderer Menschen. Die Weihnachtszeit erinnert uns jährlich daran. Obwohl die Weihnachtszeit in vielen Branchen herausragend wichtig ist, kommt dem Mitgefühl in der Betriebswirtschaftslehre keine nennenswerte Bedeutung zu. Klar ist es angenehm, oder im Einzelfall sogar wichtig, dass Mitarbeitende jemanden im Betrieb zu kennen, der Anteil nimmt, wenn sie gerade einen emotionalen Taucher erlebt haben.

[Mitfühlende leiden daran, nicht helfen zu können.]

Aber thematisiert, organisiert oder gar gemanagt wird das Mitgefühl nicht. Das scheint auch nicht nötig, denn meist übernehmen Personen mit Sekretariatsfunktion diese Rolle spontan wahr, und dies obwohl sie dafür kaum wertgeschätzt werden, jedenfalls nicht finanziell. - Kann es also sein, dass Mitgefühl betriebswirtschaftlich irrelevant ist? Nein? - Ein zweiter Blick auf diese Frage ist durchaus gerechtfertigt, denn in der Psychologie gilt Mitgefühl als eine zentrale Voraussetzung für Soziale Intelligenz. Mitgefühl ist notwendig, um auf andere Personen Einfluss zu nehmen, sei es einfach als Freund, als Kollegin oder eben auch als Führungskraft. So gesehen müsste Mitgefühl als eine zentrale Führungskompetenz gelten.
Statt Mitgefühl sagen Manager lieber Empathie. Obwohl Empathie und Mitgefühl oft mit der gleichen Bedeutung verwendet werden, klingt Empathie einfach professioneller und wissenschaftlicher. Und zudem könnte sich Empathie auch auf positive Gefühle beziehen, während Mitgefühl tendenziell negative Emotionen bei der anderen Person voraussetzt, das nimmt der Sache etwas die Schwere. Empathie kann definiert werden als die Fähigkeit sich in andere einzufühlen, also ihre Empfindungen, Emotionen und Gedanken zu erkennen und zu verstehen und dabei die Motive und die Persönlichkeitsmerkmale der anderen Person zu berücksichtigen. Egal ob wir aber von Mitgefühl oder Empathie sprechen, entscheidend scheint mir weniger die Fähigkeit als die Bereitschaft zu sein, sich auf dieses Einfühlen einzulassen. Oder anders gesagt: Wohl sind wir alle einigermassen empathiefähig, wir können aber diese Fähigkeit ganz gut unterdrücken. Und das tun wir auch regelmässig. Denn mitzufühlen heisst oft auch mitzuleiden und das kann sehr anstrengend sein, mitunter bis zum Kollaps. Nicht umsonst sind in Pflege- und Gesundheitsberufen Symptome von emotionaler Erschöpfung bis zum Burnout häufiger anzutreffen als in anderen Berufen. Aber das Thema beschränkt sich nicht auf eine Branche. Jeder Manager, der schon Mitarbeitende entlassen musste, kann mitreden. Man muss sich eben abgrenzen. Anders ist es kaum auszuhalten. Die gängige Methode ist, sich zu verhärten, sich einzureden, es ginge einen nichts an und sich danach abzulenken. Das funktioniert eigentlich ganz gut, aber die Abspaltung der Gefühle hat ihren Preis. Die Frage lautet also: Können wir emotional präsent bleiben, ohne auszubrennen?
Ja, das geht. Als empathische Wesen verstehen und spüren wir nicht nur, wie sich andere fühlen, sondern wir erleben auch einen Handlungsimpuls. Wir leiden nicht hauptsächlich, weil wir das Leid des anderen mitfühlen, sondern weil wir nichts dagegen tun können. Wir leiden an unserem unerfüllbaren Handlungsimpuls, also an Hilflosigkeit, Frustration, Abwehr, Entmutigung und Vermeidung. Meistens können wir tatsächlich nichts tun, manchmal könnten wir schon, aber unsere Hilfe wird nicht angenommen. Wie auch immer, der unerlöste Handlungsimpuls ist entscheidend dafür, ob wir beim Mitfühlen auch mitleiden. Forschungsresultate lassen die Vermutung zu, dass Mitgefühl ohne Handlungsimpuls nicht zur Erschöpfung führt und viel eher hilfreiche Geisteszustände aktiviert wie Mut, Verbundenheit oder Hoffnung. Wohl darum wird diese Art des Mitgefühls von leidenden Personen oft als hilfreicher empfunden.
Ist solches lernbar? Ist es möglich zu sehen, wie es jemandem schlecht geht und dann nicht selbst zu leiden, weil man nicht helfen kann? Soll man das überhaupt wollen, oder wäre das nicht hartherzig? – Ja, das ist lernbar; nein, es ist nicht hartherzig. Denn um am Handlungsimpuls nicht zu leiden, ist es unnötig, überhaupt keinen zu verspüren. Es genügt zu merken, wenn man einen Handlungsimpuls hat, dass dieser in der aktuellen Situation nicht hilfreich ist. Es geht darum, tief im Bauch unten zu verstehen, dass es einfach zum Leben gehört, manchmal hilflos zu sein und mit dieser unangenehmen Tatsache in Frieden zu kommen. Wer das schafft, kann Mitgefühl so zum Ausdruck bringen, dass es andere weiterbringt und ohne sich selbst dabei zu erschöpfen. Möge das gelingen. Wenn nicht Ihrem Vorgesetzten, so dann Ihnen selbst. Fröhliche Weihnachtszeit.


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