Freitag, 8. Januar 2016

Versunkene Kosten



„Versunkene Kosten“ ist ein Fachausdruck der Ökonomie und bezeichnet jenen Teil der Kosten, die ich nicht mehr rückgängig machen kann, wenn ich mich später umentscheide. Ich kaufe zum Beispiel  ein Auto für 50‘000, aber schon eine Woche später brauche ich unerwartet dringend Geld, kann den Wagen aber nur noch für 44‘000 losschlagen. Das heisst, 6‘000 sind versunken.

[Ist erwiesen, dass Banker meditieren sollten?]

Jeder, der Ähnliches schon erlebt hat, weiss, wie deprimierend das sein kann. Spannend sind versunkene Kosten, weil sie rein ökonomisch gesehen, keine Rolle spielen sollten, sie tun es aber trotzdem. Rationale Wesen sollten sich ausschliesslich an den aktuellen Tatsachen orientieren, wir Menschen lassen uns aber schon von Geschichten beeinflussen. Dies vor allem auch dann, wenn es unsere eigenen sind und wenn sie schmerzhaft waren.
Typischerweise würde jemand in der gleichen Situation, der seinen Gebrauchtwagen ebenfalls für 44‘000 verkaufen kann, diesen eher verkaufen, wenn der Neupreis nur 45‘000 war. Der Verkauf sieht in diesem Fall wie ein weniger schlechtes Geschäft aus, obwohl es faktisch der gleiche Tausch ist: Gebrauchtwagen gegen 44‘000. Die Geschichte ist aber ein andere. Im Hinterkopf steht hier ein „Verlust“ von nur 1‘000 , während es im ersten Fall 6‘000 wären. Der Verlust hat aber bereits vergangene Woche stattgefunden und sollte für den Entscheid wie gesagt keine Rolle spielen.
Die Beobachtung, dass die ökonomische Theorie in derartigen Fällen nicht mit der Praxis übereinstimmt, hat sich bereits herumgesprochen. Besonders dort, wo derartige Fälle oft vorkommen und ins Geld gehen, wie etwa im Bankensektor. Wenn beispielsweise ein Portfolio-Manager vor einiger Zeit entschieden hat, eine ansehnliche Position Coca-Cola-Aktien zu kaufen und sich seither die Aussichten für diesen Titel zusehends verschlechtern, so ist dieser geneigt, die Aktie eher zu behalten und darauf zu hoffen, dass sich sein Kauf doch noch als guter Entscheid entpuppt. Dieser Effekt kann selbst dann eintreten, wenn sich die betreffende Person bewusst ist, dass sie befangen ist und es selbst eigentlich für sinnvoll hält, den Titel endlich zu verkaufen. Für diese Situation gibt es eine pragmatische Lösung: Der Portfolio-Manager tauscht sein Portfolio mit dem eines Kollegen. Der Neue, der die Coca-Cola-Position übernimmt, wird sie nüchtern einschätzen und sie hemmungslos abstossen, wenn die Zukunftsaussichten dies nahelegen. Leider sind diesem Lösungsansatz enge Grenzen gesetzt. Wenn nämlich dauernd getauscht wird, hat keiner der Portfolio-Manager einen Anreiz, langfristig erfolgreiche Titel einzukaufen.
Zu diesen, in einschlägigen Geschäftskreisen gut bekannten Zusammenhängen gesellen sich nun zwei neue Studien. Sie zeigen auf unterschiedliche Weise, dass achtsame Menschen diesem Effekt weniger unterliegen. Im einen Fall sind es solche, die von ihrem Naturell her achtsamer sind, im andern Fall solche, die ein Achtsamkeitstraining absolviert haben. Fazit: Der Abteilungsleiter kann sich also nur wünschen, dass seine Portfolio-Manager regelmässig meditieren, das macht nämlich achtsam. Dieses Forschungsresultat hat sich allerdings in einschlägigen Kreisen noch deutlich weniger herumgesprochen. Grund dazu gäbe es allerdings genug, denn auch andere Entscheidungsfehler werden durch Achtsamkeit reduziert wie etwa das Überbewerten von negativen gegenüber positiven Informationen. Zugegeben, es sind erst eine handvoll experimenteller Studien. Bis Untersuchungen vorliegen, die auch den hartnäckigsten Zweifler überzeugen, wird es noch eine paar Jahre dauern. Andererseits werden die Auswirkungen von Achtsamkeit bereits seit Jahrzehnten erforscht und obige Resultate fügen sich sehr geschmeidig in die bisherigen, bestens fundierten Erkenntnisse.
Sollten Banker nun wirklich in Massen zu meditieren beginnen? Ich meine: Warum nicht? Immerhin geht es um sehr viel Geld.
Und was machen wir mit der schönen ökonomischen Theorie? Nun, sie hat sich in diesem Punkt als ziemlich falsch erwiesen. Der Aufwand sie zu entwickeln und auswendig zu lernen ist längst vorbei. Die Kosten dafür sind versunken und sollten eigentlich keine Rolle mehr spielen. Aber eben.

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