Freitag, 10. April 2020

Begrüssung


Das «Physical Distancing» wird zum Normalfall, und doch haben wir uns nicht so recht daran gewöhnt. Man sieht das besonders deutlich daran, wie unbeholfen wir uns immer noch begrüssen, wenn wir uns die Hand nicht reichen dürfen. Als ob es verboten sei, freundlich zu sein oder gar Freude zu zeigen, wenn man jemanden sieht. Dabei sind das doch gute Alternativen zu einem Händedruck: Lächeln und Blickkontakt. Beides zusammen ist schon viel. Wer will, kann dabei sogar eine Hand auf die eigene Brust legen oder eine Verneigung andeuten. Ja, das ist seltsam, aber da Begrüssungen ohne Handschlag ohnehin seltsam sind, kann man es getrost ausprobieren. Ist das nicht sowieso die positive Seite des Lockdowns, dass man nicht so perfekt zu sein braucht? Ich habe festgestellt, dass manche Begrüssungen verbindlicher, herzlicher werden, wenn man sich vornimmt, sie persönlich zu gestalten.
Wer ein Flair dafür hat, kann aus der Begrüssungssituation sogar einen Spass machen. «Hugh, sei gegrüsst Bleichgesicht.» kann mit entsprechender Tonalität, Körperhaltung und Geste einen lustigen Einstieg schaffen. Die asiatische Begrüssungsform mit den flach gegeneinander gelegten Händen und Verbeugung kommt in einigen Kreisen ohne Weiteres gut an. In anderen geht sie besser mit komischer Übertreibung eines asiatischen Akzents, wie «Eeezlich willgommen!». - Wem das alles zu kompliziert ist: Es genügen - wie gesagt - Lächeln und Blickkontakt. Ob verspielt oder einfach, eine bewusste Begrüssung schafft einen Moment der Nähe. Das ist wichtig, denn:
Wir brauchen keine soziale Distanz. Wir brauchen bloss körperliche Distanz und soziale Nähe - mehr denn je.

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Mittwoch, 1. April 2020

Humor


Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Beides kommt in der Wirtschaftswissenschaft nicht vor:  Weder das Lachen, noch das Trotzdem. Humor wird in der Ökonomie ignoriert, bestenfalls vorausgesetzt. Das heisst nicht, dass Ökonomen nie einen Scherz machen, aber eigentlich machen sie das eher nicht während der Arbeit. Dabei ist Humor eine sehr wichtige Ressource in der Wirtschaft, denn Humor macht kreativ.

[Humor ist eine zu wenig genutzte Ressource.]

Ist nicht gerade im verschärften und turbulenten internationalen Wettbewerb mehr denn je Kreativität gefragt? – Statt kreativ zu werden, nehmen wir unsere Budgetziele ernst, blicken den ökonomischen Realitäten phantasielos ins Auge und schmieden einen nüchternen Plan. Und wenn da einer im Team ist, der es doch etwas lockerer angehen möchte, dann klatscht man dieser Person ökonomische Anreize um die Ohren bis unmissverständlich klar ist, dass das hier alles keine Spielerei ist.
In einer Studie hat man Studierenden die Aufgabe gegeben, eine Fallstudie zu lösen. Eine Gruppe sollte sich vorstellen, sie erhielten einen mageren Studentenlohn, die anderen sollten sich vorstellen, sie erhielten eine stattliche Senior Consultant Entschädigung. Wem hat die Arbeit mehr Spass gemacht? Der Gruppe mit der geringeren Entschädigung natürlich. Die anderen fühlten sich unter Druck, für den hohen Lohn eine brillante Leistung zu erbringen. Der höhere, sich vorgestellte Lohn führte aber nicht zu einer besseren Leistung, nur zu mehr Stress.
Wenn die Leistungsorientierung nicht zu mehr Leistung führt, sondern nur zu mehr Stress, sollten wir da den Wettbewerb nicht etwas gelassener nehmen?  - Wenn wir den Wettbewerb als Entdeckungsverfahren betrachten, in dem eine Gesellschaft herausfindet, was besser funktionier, dann ist es natürlich, dass viele Versuche scheitern müssen. Zu scheitern und es dann nochmals zu versuchen, erscheint als Urprinzip des Wirtschaftens, wenn nicht des Lebens schlechthin. Humor würde uns dabei helfen, in diesem Prozess weniger zu leiden. Vielleicht kann man mit Humor aus dem unvermeidlichen Scheitern sogar Kraft zu schöpfen. – Dummerweise werden BetriebswirtschafterInnen darin ausgebildet, an Erfolgsfaktoren zu glauben. In einer turbulenten Welt eine wenig hilfreiche Sichtweise. Warum bereiten wir uns nicht darauf vor, mit mehr Leichtigkeit zu scheitern? Zweifelt jemand daran, dass es uns guttun würde? Verschiedene Studien bestätigen, dass Humor sehr gesund ist. Nicht nur das, sondern auch: Humor ist lernbar. Aber wer von uns hat schon daran gedacht, statt eine weitere Diät zu machen oder ein Fitnessabo zu lösen zur Abwechslung mal in einem Lachseminar etwas für seine Gesundheit zu tun? – Eben.
Man braucht nicht unbedingt so weit zu gehen, Misserfolge exzessiv zu feiern. Als Redner auf einer „Failure Party“ traut sich in der Schweiz ja ohnehin nur jemand aufzutreten, der oder die nach dem Misserfolg dann mittlerweile doch einen stattlichen Erfolg vorzuweisen hat. Und damit zementiert man die schweizerische Lebensweisheit, dass man grundsätzlich nicht scheitern soll und wenn, dann nur sehr, sehr leise. Mit einer solchen Haltung wird nichts mit fröhlichem Scheitern. Damit verpassen wir, was der Humor uns tatsächlich zu bieten hätte: Uns Mut zu machen, es nochmals zu versuchen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir «Humor» als neues Unterrichtsfach an der Fachhochschule einführen sollten. Aber ganz sicher, dass wir es nicht tun sollten, bin ich auch nicht. Vielleicht sollten wir es einfach mal machen und dann, wenn es kläglich scheitert, gemeinsam darüber lachen und schauen, wie uns dieser Irrtum weitergebracht hat. - Und falls es doch nicht scheitert … das fände ich zumindest dann auch ganz witzig.


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Sonntag, 8. März 2020

Whywashing

„Whywashing“ ist ein Modebegriff, der aus den USA zu uns herüberschwappt. Er bezeichnet den missbräuchlichen Einsatz eines höheren Zwecks, um ein positives öffentliches Image zu erreichen. Es ist eine Abwandlung des eher bekannten «Greenwashing», was bedeutet, dass man eigene Produkte oder das ganze Unternehmen als möglichst «grün», also so umweltfreundlich wie möglich präsentiert.

 [So viel Selbstlosigkeit! Mir kommen die Tränen!]

Im Falle des «Whywashings» stellt man das Unternehmen als «sinnvoller» dar als es ist, man lässt es so aussehen, als diene es in erster Linie einem selbstlosen, höheren Zweck. Selbstverständlich tut man solches, ohne einfach platt zu lügen, sofern das möglich ist … aber meistens ist es schwierig und dann geht es auch so.
Dass der Mensch ein nach Sinn strebendes Wesen ist, ist längst bekannt. Aktuelle Forschungen der Positiven Psychologie haben deutlich gezeigt, dass Sinn - oder eben ein höherer Zweck - ein mächtiger Treiber ist für gute Leitungen von Mitarbeitenden, insbesondere in kreativen Berufen. Ebenso bei Teamarbeit, denn da versagen traditionelle Anreize, weil sich die Gesamtleistung schlecht auf einzelne Beiträge zurückführen lässt. Es ist nun nichts dagegen einzuwenden, wenn Führungskräfte mit Mitarbeitenden darüber zu sprechen, worin diese den höheren Sinn ihrer Arbeit sehen und wenn sie gelegentlich darauf Bezug nehmen. Im Gegenteil, das ist eine gute Sache. Es fördert nämlich gleichermassen die Arbeitsleistung wie die Arbeits­zufriedenheit.
Nun gibt es aber eben auch missbräuchliche Praktiken. Im Zeitalter des Fachkräftemangels ist zu befürchten, dass Missbräuche nicht allzu rasch verschwinden, selbst wenn sie nicht wirken. Darum hier eine kleine Typologie des Schwindelns mit der Sinnhaftigkeit.
1 ) Mitgefühl predigen und egoistisch Handeln: Ein sinnorientiertes Unternehmen will ein höheres Ziel verfolgen.  Da passen hohe Boni für Manager nicht in Bild. - Sie passen im Grunde auch bei rein profitorientierten Unternehmen nicht ins Bild, da sie viel kosten, aber kaum wirksam sind, wie Studien um Studien belegen, aber das ist eine andere Geschichte.
2) Sinn-motivierte Leute rekrutieren, diese aber dann auf Umsatz trimmen: Auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt geben sich Unternehmen gerne als sinnstiftende Organisationen. Das zieht junge und motivierte Menschen an. Worauf es dann aber tatsächlich ankommt, wenn man mal eingestellt ist, ist eine andere Frage. In sinnorientierten Unternehmen werden Umsatz und Gewinn stets als notwendig, aber keineswegs als hinreichend betrachtet.
3) Sinn als Schönwetter-Strategie: Ein hehres Ziel wird wohl verfolgt, aber sobald es finanzielle Schwierigkeiten gibt, ist davon nicht mehr viel übrig. In der Krise erst zeigt sich, wer es ernst meint.
4) Sinn als Privileg: Projektleitende und höhere Angestellte können gut in Kontakt mit dem höheren Zweck einer Unternehmung gebracht werden, wenn diese sich eine entsprechende Strategie auf die Fahne schreibt. Aber was ist mit den Mitarbeitenden in der Fabrikhalle, im Call Center und in der Versandabteilung? Sinn, der nur als Privileg für höhere Mitarbeitende gelebt wird, ist wenig sinnvoll.
5) Sinn als heisse Luft: Einem höheren Zweck zu dienen klingt gut. Aber was ist der konkrete Beitrag? Wie gross ist er? Wer hier nur nebulöse Antworten geben kann, wie zum Beispiel „we  create a better world“, missbraucht den höheren Zweck. Sinnorientierte Unternehmen messen den Beitrag zu dem Ziel, das sie anstreben auf verbindliche Art. Und sie sind offen für bessere Messmethoden, selbst wenn diese sie weniger erfolgreich aussehen lassen.
Was ich mich manchmal frage ist, was der höhere Sinn des Kolumnenschreibens ist. Kann man damit die Welt besser machen? Oder lustiger? Oder wenigstens einen Hauch tiefsinniger? Vielleicht sind die Gründe fürs Scheiben einer Kolumne aber doch banaler und weniger hehr als ich wahrhaben möchte. Wenn ich mir dann trotzdem Sinnhaftigkeit einrede, dann könnte man es wohl «Whyshing» nennen, aber in diesem Fall wäre es einfach guter alter Selbstbetrug.

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