Samstag, 3. März 2018

Wertschätzung



Wertschätzung bezeichnet allgemein eine positive Bewertung eines anderen Menschen. Sie betrifft eher einen Menschen als Ganzes als einzelne Taten. Spannend an der Wertschätzung ist, dass sie in unserer Überflussgesellschaft zu einem Mangelgut zählt. Mangelnde Wertschätzung wird überall beklagt, vor allem am Arbeitsplatz. Führungskräften muss man offenbar beibringen, wie man Wertschätzung zeigt. Ist das nicht seltsam? Woher kommt das? Wertschätzung würde die Mitarbeitenden doch beflügeln. Und im Freundeskreis können es die allermeisten Manager ja offenbar schon.

[Wertschätzung zu zeigen ist einfach und es beflügelt.]

Ist Wertschätzung vielleicht zu hoch gegriffen? Würde ein einfaches Lob genügen? - Studien zeigen immer wieder, dass Manager meinen, dass sie oft loben, Mitarbeitende hingegen fühlen sich selten gelobt, als ob die Hälfte des Lobs systematisch in einem schwarzen Loch verschwände. Dabei hätten zumindest jene Manager, die selbst Kinder haben, es im Eltern-Kurs bereits lernen können. Die psychologisch fundierten Spielanweisungen für das Loben von Kindern und von Mitarbeitenden sehen nämlich verdächtig ähnlich aus.  Spezifisch sollte es sein. Nicht einfach „schöne Zeichnung“, sondern „diesen Vogel da hast Du schön gemalt“ oder dieser „Hund sieht wirklich lustig aus“. Und dann sollte es zeitnah erfolgen. Der gestern leer gegessene Teller interessiert heute keinen mehr. Und authentisch sollte es sein. Also nichts loben, was man nicht wirklich gut findet. Das ist leider für leistungsorientierte Menschen nicht ganz einfach. Besonders, weil sie der Versuchung widerstehen sollten, pädagogisch geschickt zu fragen „Diese Wolke hat eine schöne Form … aber willst Du die nicht fertig ausmalen?“. Vor allem dann nicht, wenn das Kind auf das Lob für die Hundezeichnung geantwortet hat: „Ist gar kein Hund, ist eine Katze.“
Was im Gegensatz zu Kindern bei Mitarbeitenden erschwerend dazu kommt: Die Leistung einzuschätzen ist gar nicht einfach. Wenn Huber dieses Jahr 20% mehr Umsatz gemacht hat mit seiner Abteilung, dann war vielleicht viel Glück dabei; wenn er 20% weniger gemacht hat, dann war es vielleicht eine tolle Leistung, weil es ohne seinen Einsatz noch viel weniger gewesen wäre. Eine Führungskraft fühlt sich zwar in ihrer Rolle verantwortlich, diese Unterscheidung treffend machen zu können, doch wer ehrlich ist, muss zugeben, dass die Faktenbasis für eine fundierte Einschätzung oft mangelhaft ist. Und was macht man da?
Vielleicht wäre Wertschätzung eben doch der richtige Ansatz. Manager könnten anfangen, wertschätzende Interviews zu führen. Das sind Gespräche, in denen es weder um Probleme noch Leistungsverbesserungen geht, sondern in denen Mitarbeitende mit ihren Stärken und Erfolgen im Zentrum stehen – mögen es auch relative Stärken und bescheidene Erfolge sein. Es geht darum, sich so zu begegnen, dass die positiven Seiten eine Chance bekommen, wahrgenommen zu werden. - Warum hast du dich auf diesen Job damals beworben, was hat dich fasziniert? Welche deiner Stärken konntest du bisher am besten einbringen, wie hast du das gemacht? Was beflügelt Dich bei der Arbeit? Wann hat dir das Arbeiten das letzte Mal richtig Freude bereitet, was ist damals geschehen? – Natürlich sollte das Interesse authentisch sein. Auf gelangweilte oder manipulierende Art gestellt, verfehlen solche Fragen ihre Wirkung. Aber authentisch zu sein ist eigentlich nicht schwer. Was es dazu bräuchte, sind bloss eine paar Tipps und das Verständnis dafür, dass es zur Rolle einer guten Führungskraft gehört, Interesse für Positives zu zeigen. Und zwar nicht nur in der Kaffeepause oder wenn alles andere erledigt ist. Dass dieses Verständnis fehlt, ist der eigentliche Engpass. - Klar, Wertschätzung zu zeigen braucht etwas Zeit. Dieser soziale Prozess lässt sich nicht beliebig beschleunigen. Wir wissen aber auch, dass wir damit im Grunde viel Zeit und viel Ärger sparen, weil danach Probleme gar nicht erst auftauchen oder sich rascher lösen lassen. Es ist also höchst effizient, sich nicht dauernd um Probleme zu kümmern, sondern darum was gut läuft. Es ist wirkungsvoll, sich nicht nur um Statistiken, Strukturen und Strategien zu kümmern, sondern um die Menschen im Unternehmen. Es ist professionell, wenn Manager ganz subjektiv erforschen, wie weit es ihnen möglich ist, diese Menschen zu mögen, wie sie sind und sie zu unterstützen zu werden, wer sie werden können. – Solche Erkenntnisse beflügeln mich. Und was beflügelt Sie?

Prof. Dr. Alexander W. Hunziker ist Dozent an der Berner Fachhochschule. Er unterrichtet Themen wie Positive Leadership, Achtsamkeit, Positive Psychologie und Methodik. Sein neustes Buch „Positiv führen“ ist soeben im Verlag SKV erschienen.

https://www.verlagskv.ch/produkte/positiv-fuehren 

Samstag, 3. Februar 2018

Mitarbeiterzufriedenheit

Unter „Mitarbeiterzufriedenheit“ - oder politisch korrekt, aber holpriger: „Mitarbeitendenzufriedenheit“ - versteht man in der Praxis meist einen Index, typsicherweise auf der Skala von 1-10, der die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeitenden wiedergeben soll. Er wird von grossen Arbeitgebern regelmässig erhoben und nicht selten mit Spannung erwartet, etwa nach einer Reorganisation oder einem Führungswechsel. Eigentlich schön, dass sich Vorgesetzte so um ihre Mitarbeitenden kümmern, dass sie die Kosten nicht scheuen und auch unangenehmen Wahrheiten ins Gesicht schauen wollen. Nur leider steigt mit der Erhebung der Mitarbeiterzufriedenheit selbige nicht automatisch an. Hier sind vier geläufige Schritte, wie man es als Unternehmensleiter oder Personalchef falsch machen kann.

[Die Befragung trägt nichts zur Zufriedenheit bei - ausser...]

Erstens. Bei der Umfrage kommt heraus, dass 18% der Mitarbeitenden unzufrieden und 9% sehr unzufrieden sind. Publizieren Sie diese Zahlen intern und kommentieren Sie: „Ich bin stolz darauf,  dass doch 73% unserer Mitarbeitenden zufrieden oder sogar sehr zufrieden sind“. Beweisen Sie damit, dass Sie selbst in peinlichen Situationen noch positiv denken können. Zeigen Sie damit aber auch Pragmatismus, indem Sie Probleme verharmlosen, von denen Sie nicht wissen, wie man sie anpacken sollte. - Zweitens. Befragen Sie die Mitarbeitenden auch gleich nach den Ursachen ihrer Zufriedenheit oder Unzufriedenheit. Stellen Sie dabei fest, dass viele gerne mehr Lohn hätten. Beklagen Sie, dass der Markt leider nicht mehr hergibt. Und setzten Sie dann die ersehnte Lohnerhöhung trotzdem um, allerdings nur für das höhere Kader. Begründen Sie Ihre Massnahmen mit den Marktkräften. Es klingt gut, stützt Ihre Autorität und man kann es kaum widerlegen. - Drittens. Es kommt dabei heraus, dass in der Abteilung B die Werte niedriger sind als in den übrigen Abteilungen. Versuchen Sie das geheim zu halten aus Rücksicht auf den betreffenden Abteilungsleiter. Ignorieren Sie die Tatsache, dass in Ihrer Firma ohnehin jeder weiss, dass die Stimmung in dieser Abteilung schlecht ist. Führen Sie mit dem Leiter der Abteilung B ein vertrauliches Gespräch, das zwar zu nichts führt, aber immerhin können Sie nachher sagen, Sie hätten es versucht. - Viertens. Machen Sie eine unglaublich komplizierte Statistik. Stellen Sie dann fest, dass es zu kompliziert ist und lancieren Sie ein Projekt zur Vereinfachung der Kennzahlen, für das Sie hochqualifizierte Spezialisten einstellen. Wundern Sie sich, dass Sie viel Geld fürs Personal ausgeben, selbiges aber partout nicht dankbar dafür sein will.
             Falls Sie der Meinung sind, diese Schritte seien bereits zur Genüge ausprobiert worden, sind hier noch zwei Schritte, wie man es besser machen kann. Erstens. Unterscheiden Sie bei der Befragung verschiedene Arten der Arbeitszufriedenheit. Zum Beispiel: Zufrieden, weil resigniert und damit abgefunden. Zufrieden, weil eigentlich ist es schlecht, aber es wird sicher bald besser. Zufrieden weil man sich für das Unternehmen engagieren kann. Oder zufrieden, weil es keine Vorschriften gibt und jeder tun und lassen darf, was er will. Verwenden Sie je nach Kontext vielleicht doch lieber wissenschaftliche Bezeichnungen für diese verschiedenen Arten von Zufriedenheit, aber führen Sie auf jeden Fall Gespräche mit Mitarbeitenden und Führungskräften darüber, welche Art von Zufriedenheit in Ihrer Firma erwünscht ist und was zu tun wäre, um sie zu erreichen. Und dann: Tun Sie mindestens versuchsweise, was Ihnen die Mehrheit jener Mitarbeitenden rät, die Sie allgemein für engagiert und kompetent halten; selbst wenn Sie nicht ganz überzeugt sind. – In kleinen Firmen macht es Sinn, auf teure Erhebungen zu verzichten, wenn Sie im Gegenzug umso intensiver mit den Mitarbeitenden darüber sprechen, was sie brauchen, um einen guten Job zu machen. Ob sie jemanden haben in der Firma, dem sie wirklich vertrauen. Ob sich jemand um ihre Entwicklung kümmert. Wann sie das letzte Mal Anerkennung für ihre Arbeit erhalten haben und warum. Was sie von der Arbeitseinstellung der Kollegen halten und ob die strategischen Unternehmensziele für sie Sinn ergeben. - Hören Sie darauf, was man Ihnen sagt. Falls Sie dann später die Mitarbeiterzufriedenheit doch noch erheben wollen, können Sie sicher sein, dass diese ihr Gespür bestätigen wird. Und nutzen Sie sie vor allem, um zu entdecken, was gute Führungskräfte richtig machen und um ihnen dafür grosszügig Anerkennung zu geben. Dann werden die motivierenden Führungskräfte zu Vorbildern für die anderen. So würden Mitarbeiterbefragungen schliesslich doch dazu beitragen, Mitarbeitende zufriedener zu machen.


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Mittwoch, 3. Januar 2018

Trinkgeld



Warum schenken Menschen wildfremdem Servicepersonal Geld, nachdem sie gegessen oder auch nur etwas getrunken haben? Interessanterweise geben viele Menschen die gleiche Antwort: „Es ist eine Anerkennung für eine gute Leistung und im Gastgewerbe verdient man ja so wenig.“ Erstaunlich finde ich, dass diese Antwort in sehr verschiedenen politischen Lagern funktioniert: Wirtschaftsliberale FDP-Sympathisanten stützen sich vor allem auf die Leistungskomponente im ersten Teil, linke SP-Wählerinnen mehr auf den Mitleids-und-Grosszügigkeits-Appell im zweiten Teil. Das macht diese Begründung offenbar mehrheitstauglich. Das eigentlich Irritierende daran ist, dass trotz der enorm breiten Zustimmung, beide Teilaussagen einer kritischen Prüfung nicht standhalten.

[Trinkgeld zu geben ist unfair, aber keins zu geben fühlt sich schlecht an. ]
 
Es stimmt natürlich, dass die Löhne im Gastgewerbe bescheiden sind. Aber das Trinkgeld ist in der Schweiz seit über dreissig Jahren offiziell abgeschafft und im verlangten Preis bereits inbegriffen. Und wer bitteschön, bezahlt der Kioskfrau oder dem Herrn an der Kasse bei Aldi ein Trinkgeld? Da sind die Löhne doch auch sehr tief. – Eben. Warum also im Restaurant?
Und wie steht es mit dem Leistungsanreiz? In einer Stamm-Kneipe mag es sein, dass einen besseren Service erhält, wer bei guter Bedienung stets gutes Trinkgeld bezahlt. Meistens wird aber auch Trinkgeld gegeben in Restaurants, in denen man in der Masse der Gäste verschwindet oder schon weiss, dass man kein zweites Mal einkehren wird, weil man etwa auf der Durchreise ist. Wer hier den Hinweis macht, es wäre nicht fair, in dieser Situation kein Trinkgeld zu bezahlen muss sich aber fragen lassen, warum er sich dann beim Reisebüro beraten lässt und anschliessend die Tickets drei Franken günstiger im Internet bucht, warum er ennet der Grenze zum Shopping fährt oder Bücher beim Amazon bestellt, die bei einem Schweizer Online-Händer nur ein Trinkgeld teurer wären. Was immer die Antwort - respektive die Ausrede - Ökonomen haben zweifelsfrei festgestellt, dass das Trinkgeld Geben in vielen Situationen eine ziemlich irrationale Sache ist. Und, vermutlich weil sich viele Ökonomen selbst beim Trinkgeldgeben beobachtet haben, sind auch Erklärungsversuche in der Wissenschaft nicht ausgeblieben, warum es vielleicht doch gewinnbringend sein könnte. Schliesslich will keiner gern als „irrational“ dastehen:  Trinkgeld zu geben wäre rational, wenn man seiner Begleitung gegenüber signalisieren möchte, dass man ein grosszügiger Mensch ist. Sich als grosszügig und daher vertrauenswürdig darzustellen kann mit Leichtigkeit eine Stange Geld wert sein, das ergäbe einen Sinn. Nur geben wir oft auch Trinkgeld, wenn es keiner sieht, den wir kennen. Daher wirkt dieser Erklärungsversuch nur mässig überzeugend.
Wenn es uns gelingt, den zwanghaften Ökonomen-Impuls zu unterdrücken, Trinkgeld Gebende als rational darzustellen, können wir den Prozess nüchterner betrachten. Da kommt zwar wenig Erhebendes heraus, aber wenigstens ein paar empirisch abgesicherte Fakten: Servierpersonal mit weisser Hautfarbe erhält mehr als solches mit dunkler Hautfarbe. Männer erhalten mehr als Frauen. Blonde Frauen erhalten mehr als Frauen mit anderer Haarfarbe. Weibliches Servicepersonal mit grosser Oberweite erhält mehr als diesbezüglich weniger üppig Ausgestattete. In Lokalen, die auch Alkohol ausschenken, erhält das Personal mehr Trinkgeld als in solchen, die dies nicht tun. Und: Servierpersonal, das den Gast zufällig (oder scheinbar zufällig) bei der Verrichtung der Arbeit berührt, erhält mehr Trinkgeld. Und dann noch das: Der Koch, der ja doch nicht unwesentlich für das Gesamterlebnis verantwortlich ist, erhält in der Regel nichts. 
Das ernüchternde Fazit: Trinkgeld zu geben ist nicht nur irrational. Es ist unfair, rassistisch, sexistisch und hat herzlich wenig mit Leistung zu tun. – Was mich an der Sache fasziniert und mich sicher macht, dass wir mit dem Erforschen dieser an sich banalen Tätigkeit noch nicht wirklich zu Rande gekommen sind, ist dies: Obwohl ich das alles weiss, und daraus schliesse, dass es das Beste wäre, wenn wir alle auf das Geben von Trinkgeld verzichten würden, habe ich es selbst bisher nicht geschafft, mich konsequent daran zu halten. - Prost!

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Weitere unkonventionelle Ideen...
... befinden sich in neusten Buch von Alexander W. Hunziker

"Positv Führen. Leadership - mit Wertschätzung zum Erfolg"

Es erscheint Mitte Februar 2018 im Verlag SKV.

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  • Fertigmachen beherrschen viele spontan, es zu unterlassen ist die wahre Kunst.
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