Sollen wir Frauenquoten in Chefetagen einführen, ja oder
nein? Die ökonomische, liberale Position ist natürlich nein, denn was wollen schon
Politiker wissen, wer der beste Mann oder die beste Frau für einen Job ist, das
wissen doch nur die Herren, die das im Einzelfall entscheiden. Ja, und im
Einzelfall ist dann einer von diesen Herren, die das entscheiden, grad selbst
eine Frau.
[HR-Abteilungen können sofort damit anfangen.]
Die feministische Position, wenn ich sie gut verstanden
habe, ist weniger klar. Einerseits wären Quoten gut, sehr wichtig sogar, aber
andererseits degradieren sie die Frau offiziell zum Mängelwesen und zementieren
damit das vorherrschende Menschen- resp. Frauenbild. Dass eine unappetitliche Inkompetenzzuschreibung
nach wie vor existiert, wurde gerade eben wieder nachgewiesen: In einem online
Kurs waren die betreuenden Professor/innen nie körperlich zu sehen. Einigen
Studierenden gegenüber gab sich das Betreuungsteam immer als eine männliche
Person aus, anderen gegenüber als Frau. Wer meinte, von einer Frau betreut worden zu sein, war mit dem Kurs deutlich weniger zufrieden. Wie also nun: Für
oder gegen Quoten?
Völlig unklar ist mir, ob ich als Mann eigentlich überhaupt
eine Meinung zur Frauenquote haben darf oder ob ich mich a priori in die
Nesseln setze. Ich erlaube mir, eine Meinung zu haben und sie auch zu
äussern, weil ich als kinder-mit-erziehender Mensch nach altem Denkmuster
eigentlich schon fast ein wenig „frau“ bin. Wohl wäre es übertreiben, mich dann
als Frau mitzuzählen, wenn ich in einer Geschäftsleitung Einsitz nähme. Aber
ich finde es merkwürdig, dass man von Frauen, die Kinder haben, erwartet, dass
sie sich persönlich um diese kümmern -
und zwar nicht nur kurz vor dem Insbettgehen und am Wochenende - während
umgekehrt von Männern erwartet wird, dass sie beim zeitlichen Engagement für
die Kindererziehung Zurückhaltung üben, wenn als Alternative ein
Geschäftsleitungsjob ruft.
Lässt sich das Dilemma mit mutigen Frauen lösen? Nicole
Althaus etwa, schreibt von sich in der NZZ: Ich bin eine Quotenfrau. Das ist
mutig und das macht Mut, aber was jetzt fehlt ist die Aussage von ein paar
prominenten Wirtschaftsführern: Ich bin ein Seilschafts-Mann. Oder ein
Grosse-Klappe-Mann. Oder: Ich bin gar nicht der, der sich am besten für den Job
eignet, sondern unter denen, die sich einigermassen eigneten, war ich der, der
die meisten anderen VR- Mitglieder bereits gekannt hatte. Das wäre in nicht
wenigen Fällen wohl ehrlich. Und mutig. Nur: Auf solche Aussagen werden wir
wohl lange warten.
Wir sollten also nach anderen Ansätzen Ausschau halten. Und
siehe da: In einer höchst spannenden Studie erweist sich eine Idee als wirksam,
die erst noch politisch korrekt und praktikabel ist. Es ist folgende Spielregel
bei der Stellenbesetzung: Im Personenkreis derer, die in die engere Auswahl
kommen, muss der Frauenanteil zwingend 50% sein, die Wahl ist danach frei. Eine
Frauen-Vorauswahl-Quote also. Die Wirkung: Unter den tatsächlich Gewählten ist der Frauenanteil ähnlich hoch, ohne dass irgendein Zwang ausgeübt wird. Mir wurde
ein Beispiel zugetragen, wo ein Personalentwickler (ja, es ist ein Mann) in
einer grösseren Organisation in Bern dafür sorgt, dass es bei den
Kandidierenden für das Talent-Programm immer gleich viele Frauen wie Männer hat.
Dies, obwohl „gelebte Gleichstellung“ nicht wirklich als besondere Stärke der
Organisation gelten kann. Und seine Erfahrung entspricht dem
Forschungsresultat: Unter den Aufgenommenen ins Förder-Programm ist der
Frauenanteil fast 50% ist. Was dazu nötig ist, sind viele Gespräche mit Frauen:
Passe ich dazu? Ist das für mich? Kann ich das? Passt das in meinen
Lebensentwurf? – Diese Fragen stellen sich Frauen offenbar öfter als Männer.
Die Basisarbeit, die geleistet werden muss, damit die Frauenquote bereits unter
den Kandidierenden stimmt, ist nicht zu unterschätzen: Geeignete Frauen müssen
als solche erkannt, direkt angesprochen, individuell eingeladen und persönlich
ermutigt werden. – Und warum ist so viel Aufwand für Frauen nötig, fragt der
ach-so-liberale-Mann? - Weil Frauen in unserer Gesellschaft systematisch entmutigt werden, da darf man sie schon ein wenig aufbauen. Eine OECD-Auswertung
von PISA-Daten zeigt beispielsweise, dass junge Frauen in Mathematik gleich gut
abschneiden würden wie junge Männer, wenn sie gleich selbstsicher bezüglich
Mathe wären. Wenn man die Mädels und Jungs nämlich zuerst in verschiedene
Kategorien von gleichem Mathe-Selbstbewusstsein einteilt und dann ihre
Leistungen vergleicht, verschwinden die Geschlechterunterschiede.
Interventionsstudien zeigen, dass diese Schlussfolgerung auch praktikabel ist.
Natürlich wäre es jetzt wunderbar, wenn mutige Topkader und
mutige Politikerinnen und Politiker diese Idee aufgreifen würden. Aber das Beste an
der Frauen-Vorauswahl-Quote ist, dass wir auf solcherlei nicht warten müssen: Viele
HR-Abteilungen können einfach heute damit anfangen, wie der erwähnte Personalentwickler, ohne jemanden zu fragen, die Frauenquote sozusagen
durch die Hintertür einzuführen. Ganz legal, versteht sich. Ein Satz zur
Gleichstellung in irgendeinem Strategiepapier als Legitimation findet sich ja
immer.
(Nachtrag: Hier ist ein Artikel der HBR von 2016, der die These dieser Kolumne stützt.)
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(Nachtrag: Hier ist ein Artikel der HBR von 2016, der die These dieser Kolumne stützt.)
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